Grimaldi gegen Moby – Der Kampf um den Fährmarkt Sardinien

Bei Moby Lines bilden traditionell Second Hand-Fähren das Rückgrat der Flotte, hier die 1975 als TOR BRITANNIA gebaute MOBY DREA im Hafen von Olbia.
Bei Moby Lines bilden traditionell Second Hand-Fähren das Rückgrat der Flotte, hier die 1975 als TOR BRITANNIA gebaute MOBY DREA im Hafen von Olbia. © Kai Ortel

Hart umkämpft ist der Markt für Fährlinien zwischen dem italienischen Festland und der Insel Sardinien schon immer gewesen. War es früher jedoch „nur“ die Konkurrenz zwischen jungen, aufstrebenden privaten Fährreedereien und dem massiv staatlich subventionierten Platzhirschen Tirrenia, ist die Situation mit der vollständigen Privatisierung von Tirrenia 2015 komplizierter geworden.

Dabei hatte vor fünf Jahren alles nach einer harmonischen Lösung ausgesehen. Um dem italienischen Staat nicht noch länger finanziell zur Last zu fallen, wurde Tirrenia 2011 an ein Konsortium aus drei privaten italienischen Fährreedereien verkauft: Grimaldi Group, Moby Lines und SNAV (MSC). Name der neuen Gesellschaft wurde „Tirrenia – Compagnia Italiana di Navigazione“, kurz Tirrenia-CIN. Bei der anfangs beschworenen Harmonie blieb es allerdings nicht lange, denn schon ein Jahr nach der ursprünglichen Vereinbarung stiegen die Grimaldi Group und GNV-SNAV wieder aus. Moby Lines brauchte, suchte und fand in der Folge Investoren, um die Tirrenia-Übernahme allein zu stemmen und vollzog diese unter Auflagen im Juli 2015. Diese Entwicklung setzte jedoch eine Reihe von Ereignissen in Gang, die nicht nur den Fährmarkt nach Sardinien, sondern im gesamten Tyrrhenischen Meer durcheinanderwirbelten, wo die mit EU-Mitteln geförderten „Autostrade del Mare“ (Motorways of the Seas, kurz MoS) schon seit vielen Jahren bei Reedereien wie Spediteuren hoch im Kurs stehen.

Vor allem Grimaldi Lines, mit 29 Auto- und RoRo-Frachtfähren eine der größten Fährreedereien im Mittelmeer, sah sich herausgefordert, der neuen Macht etwas entgegenzusetzen. So hat die Reederei seit September 2015 nicht weniger als acht neue Fährlinien nach Sardinien eröffnet, darunter reine Frachtfährverbindungen von Genua und Livorno nach Palermo und Cagliari sowie von Livorno nach Cagliari direkt. In diesem Markt gilt der Angriff neben Tirrenia-CIN (Livorno – Cagliari) auch der Gruppo Grendi, die bereits seit 80 Jahren Schiffsverbindungen nach Sardinien unterhält (Savona – Cagliari). Und die ihrerseits nicht zuletzt wegen der vielen neuen Fährlinien ab Genua und Savona den eigenen Ausgangshafen der gecharterten STENA FREIGHTER Ende April 2016 ins toskanische Marina di Carrara verlagerte. Am 29. September 2015 folgte dann mit der Eröffnung der Frachtfährlinie Livorno – Palermo durch die EUROPALINK ein weiterer „feindseliger Angriff gegen Grendi und Moby“, wie es Moby-Inhaber Vincenzo Onorato ausdrückte. Dieser trat im Gegenzug Ende des Jahres kurzerhand aus dem italienischen Reederverband Confitarma aus – offiziell aus Protest gegen die Ausweitung von Steuervergünstigungen von der italienischen auch auf andere EU-Flaggen. Diese spiele, so Onorato, vor allem Emanuele Grimaldi in die Hände, dessen Flotte seit der Übernahme von Malta Motorways of the Seas (2005), Finnlines (2006) und Minoan Lines (2008) in der Tat aus Schiffen besteht, die bei weitem nicht mehr nur unter italienischer Flagge fahren. Und der Vorsitzende der Confitarma ist zufällig: Emanuele Grimaldi.

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Den spektakuläreren Angriff hat sich Grimaldi jedoch für das Jahr 2016 aufgehoben. Einen Passus ausnutzend, den die Kartellbehörden Moby Lines im Zuge der alleinigen Tirrenia-Übernahme auferlegt hatten, eröffnete Grimaldi Lines am 11. Januar 2016 eine neue Autofährlinie in direkter Konkurrenz zu den Schiffen von Moby und Tirrenia: auf der Moby-Stammstrecke Livorno – Olbia. Hier kam nun zunächst die ZEUS PALACE (ex PROMETHEUS) zum Einsatz, die jedoch im Juni 2016 durch ein zweites Schiff verstärkt wurde, die in CRUISE SMERALDA umbenannte ehemalige IKARUS PALACE. Als dritte Einheit soll im Sommer sogar noch eine reine Frachtfähre hinzugeholt werden. Ziel von Grimaldi Lines ist es, im Fährverkehr nach Sardinien innerhalb eines Jahres einen Marktanteil von 50% bei den Passagieren zu erreichen – eine hochgesteckte Meßlatte, wenn man bedenkt, dass Moby und Tirrenia zusammen bisher nicht weniger als 90% Marktanteil hielten. Ein weiteres Mittel, mit dem dieses Ziel erreicht werden soll, ist daher eine zweite neue Fährlinie, natürlich ebenfalls eine, auf der bereits der Konkurrent in Form von Moby Lines bzw. Tirrenia-CIN verkehrt: Civitavecchia – Olbia. Hierfür hat Grimaldi Lines mit der CRUISE OLBIA (ex BIMINI SUPERFAST) sogar extra ein Schiff angekauft, statt auf eines aus der nicht eben kleinen Flotte der Grimaldi Group zurückzugreifen. Seit dem 18. April 2016 bedient die CRUISE OLBIA die neue Verbindung, doch selbst das war Grimaldi nicht genug. So hat die Reederei angekündigt, die bisher nur saisonal durchgeführten Anläufe von Porto Torres durch die beiden Barcelona – Civitavecchia-Fähren CRUISE ROMA und CRUISE BARCELONA künftig ganzjährig anzubieten. An Möglichkeiten, Sardinien mit dem Schiff zu erreichen, mangelt es demzufolge im Jahr 2016 wahrlich nicht.
Doch Moby und Tirrenia wollen dem Angreifer aus Neapel das lukrative Feld nicht kampflos überlassen. So ließ Moby im Frühjahr 2016 zunächst die auf der Linie Civitavecchia – Olbia eingesetzte MOBY TOMMY (ex ARIADNE PALACE) im Rahmen eines Umbaus mit 209 zusätzlichen Kabinen ausstatten. Im Internet sind Moby-Passagen nun auch über die Tirrenia-Website buchbar bzw. umgekehrt, und auch im Frachtbereich will Moby den Kampf mit Grimaldi aufnehmen: So hat Moby Lines für September 2016 bereits die Eröffnung eigener Frachtfährlinien zwischen Genua und Cagliari sowie zwischen Livorno, Catania (Sizilien) und Malta angekündigt. Letztere Route ist in der Vergangenheit eine Domäne der Grimaldi-Tochter „Malta Motorways of Seas“ gewesen, deren Schiffe zwischen Ravenna, Brindisi und Catania bzw. zwischen Genua, Salerno und Catania verkehren. Um darüber hinaus die eigene Frachtfährflotte zu verjüngen, hat Moby Lines außerdem Ende 2015 zwei moderne Einheiten erworben, die 2001 gebaute LOUISE RUSS und die 1991 gebaute HELENA.

Doch es gibt noch einen weiteren pikanten Nebenschauplatz – die beiden Großfähren AMSICORA (ex EUROPA PALACE) und BONARIA (ex OLYMPIA PALACE). Die ehemaligen Minoan Lines-Schiffe waren 2008 im Zuge der Übernahme der griechischen Reederei zur Grimaldi Group gestoßen, wo man jedoch schon bald keine Verwendung mehr für sie hatte, nachdem sie in der Adria durch die Grimaldi-Neubauten CRUISE EUROPA (Baujahr 2009) und CRUISE OLYMPIA (Baujahr 2010) abgelöst worden waren. Grimaldi vercharterte sie daher 2012 (als Grimaldi ja noch Partner von Moby bei Tirrenia-CIN war) für fünf Jahre an Tirrenia. Im Sommer 2017 läuft die Charter der beiden Schiffe also aus, und Grimaldi Lines hat bereits angekündigt, sie nicht verlängern zu wollen. Stattdessen sollen die Schiffe neben den beiden neuen Verbindungen ab Livorno und Civitavecchia im Sommer 2017 noch eine dritte Grimaldi-Fährlinie für Passagiere nach Sardinien eröffnen: von Genua oder Savona aus.

Und dann sind da mit Grandi Navi Veloci (GNV) und Corsica-Sardinia Ferries ja auch noch zwei weitere nicht eben kleine Fährreedereien, die ebenfalls noch ein Stück vom lukrativen Kuchen abhaben möchten, den die vielen Urlauberlinien zur Insel Sardinien darstellen. So bedient GNV (die 2011 unter dem Dach von MSC mit SNAV fusionierte) mit der SNAV TOSCANA (ex PETER WESSEL) die Fährlinie Genua – Porto Torres, während Corsica-Sardinia Ferries Verbindungen zwischen Livorno bzw. Nizza und Golfo Aranci sowie zwischen Toulon und Porto Torres anbietet. Wer seinen Urlaub dieses Jahr zufällig in Sardinien verbringt, wird also eines wohl kaum zu sehen bekommen in Olbia, Cagliari oder Porto Torres – leere Häfen.
www.grimaldi-lines.com und www.mobylines.de und www.tirrenia.it

Beitragsbild: Kai Ortel

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Kai Ortel
Redaktionsmitglied bei VEUS-Shipping.com mit Schwerpunkt Kreuz- und Fährschifffahrt.