Seit etwa einem Jahr liegt vor der etwa 5000 Einwohner zählenden nordrussischen Stadt Pewek (auf der Tschukota-Halbinsel) ein schwimmendes Kernkraftwerk, die AKADEMIK LOMONOSSOW (benannt nach einem russischen Gelehrten des 18. Jhdts.). Dieses schwimmende KKW wurde gebaut, um abgelegene Küstenregionen in Nordrussland mit Strom und Wärme zu versorgen, weil das derzeit dafür zuständige KKW Bilibino in nicht allzu ferner Zukunft stillgelegt werden soll.

Es handelt sich also um ein KKW, dass sich „versetzen“ lässt, zum Unterschied von jenen aus Betonmauern, die auf einem soliden Untergrund ruhen. Die AKADEMIK LOMONOSSOW ist 21.000 t schwer, weist eine Länge von 144m und eine Breite von rund 30 m auf. Atomexperten weisen darauf hin, dass schwimmende KKWs an einem Ort gebaut werden können, wo entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, dann könne man sie betriebsfertig zu ihrem jeweiligen Einsatzort transportieren.

Die AKADEMIK LOMONOSSOW wurde vom staatlichen Konzern ROSATOM in St. Petersburg gebaut. Seit Dezember 2019 ist sie nach Angaben des Bertreibers ROSENERGOATOM mit dem lokalen Stromnetz verbunden. Der kommerzielle Betrieb ist im Frühjahr 2020 aufgenommen worden, seither liefert das schwimmende KKW Strom und Wärme in das lokale Fernwärmenetz von Pewek.

Ausgerüstet ist dieses KKW mit zwei Reaktoren des russischen Typs KLT-40 S mit einer elektrischen Leistung von je 35 Megawatt, womit theoretische eine etwa 100.000 Einwohner zählende Stadt versorgt werden kann. Was die Leistung betrifft, ist dieses KKW in den Bereich der SMR-Kraftwerke (SMR.- Small Modular Reactors, also Kleinreaktoren) einzuordnen. Derartige Kleinreaktoren kennt man auch in den USA, China, Kanada und Großbritannien – sie werden in einer Fabrik fertig zusammengebaut und dann auf Schiene, Straße oder auf dem Wasserweg an ihren Bestimmungsort gebracht. Die einzelnen SMR-Einheiten können ohne Unterbrechung drei bis fünf Jahre betrieben werden, nach Betriebsende müssen die modularen Kleinreaktoren und irgendwann dann auch das schwimmende KKW nach Angaben der zuständigen Experten nicht vor Ort zurückgebracht werden, sondern können komplett zurück in die Erzeugungsfabrik mit ihrer für den Rückbau vorhandenen Infrastruktur transportiert werden.

Für die AKADEMIK LOMONOSSOW wurde beim Bau des Liegeplatzes, des Piers und anderer Installationen an Land in Pewek den Gefahren und klimatischen Verhältnissen in den arktischen Gebieten Russlands – also Stürme, tiefe Temperaturen und Eis – Rechnung getragen. Die Leitung von Strom und Wärme erfolgt über einen beweglichen Pier und flexible Leitungen, um Schäden als Folge von Wellengang zu verhindern. An Land befinden sich der Transformator und eine Schaltanlage, die mit dem lokalen Stromnetz verbunden sind.

Sollte sich das Pilotprojekt mit der AKADEMIK LOMONOSSOW als Erfolg erweisen, will Russland mit dieser Kleinreaktoren-Technik weitere entlegene Gebiete seines riesigen Territoriums mit Energie versorgen. Allerdings muss den Experten zufolge noch die Wirtschaftlichkeit der SMR-Anlagen untersucht werden – sowohl was den Einsatz derselben an Land und auf See betrifft.

Insider weisen darauf hin, dass Russland derzeit fünf zivile Eisbrecher mit Nuklearantrieb (jeweils ein oder zwei Reaktoren mit vergleichbarer Leistung wie jene im schwimmenden KKW) im Einsatz hat. Sie sind nautischen Risken weit mehr ausgesetzt als die AKADEMIK LOMONOSSOW: “Militärische Reaktoren“ sind auf Flugzeugträgern und U-Booten der USA und Russlands eingesetzt, auch auf dem französischen Flugzeugträger CHARLES DE GAULLE.

Weltweit produzieren Atomkraftwerke derzeit rund ein Zehntel des Strombedarfes. 442 KKWs sind in Betrieb, etwa 50 in 19 Staaten im Bau, 120 weitere geplant. Auch wenn manche Staaten wie China jetzt auch auf erneuerbare Energie setzen, ist das Reich der Mitte nuklear weiter offensiv unterwegs: 11 KKWs sind in Bau, 42 weitere geplant. Sieben Bauprojekte laufen in Indien, vier In Russland, sogar der Ölproduzent Vereinigte Arabische Emirate (VAE) hat mit der Anlage von Barakah vor Kurzem die erste von vier Anlagen an das Netz gebracht.  Zu den Neueinsteigern zählen u.a. auch Weißrussland, die Türkei und Bangladesch. In Großbritannien sind zwei neue Reaktoren in Hinkley Point im Bau, vier weitere Reaktoren sind im Planungsstadium.

Österreich hat sich 1978 in einer knapp ausgegangenen Volksabstimmung gegen die Kernenergie entschieden, als im geplanten KKW Zwentendorf an der Donau (etwa 40 km westlich von Wien) bereits die ersten Brennstäbe angeliefert wurden. „Not amused“ sind KKW-Gegner, dass Österreich von zahlreichen KKWs, zum Teil mit Ausbauplänen, umgeben ist: Schweiz, Deutschland (wo allerdings der Ausstieg aus der Kernenergie geplant ist), Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn und Slowenien.