Internationale Schifffahrt erlebt „Flettner-Boom“

Ob Anton Flettner (1885 – 1961) mal geahnt hat, dass seine nach ihm benannten Flettner-Rotoren im 21. Jahrhundert eine Renaissance erleben würden? Rund hundert Jahre nach seiner Erfindung greifen Reeder nun das Konzept der Flettner-Rotoren wieder auf.

Über viele Jahrhunderte hatten Segelschiffe weltweit eine große Bedeutung für den Personen- und Gütertransport. Zur Fortbewegung nutzten sie ausschließlich die Energie des Windes. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Segel durch Verbrennungsantriebe ersetzt.

Angesichts zwangsweise steigenden Umweltbewusstseins erleben Windzusatzantriebe nun eine Renaissance. Erst kürzlich wurde der 86 m lange Mehrzweckfrachter ANNIKA BRAREN mit einem Rotor des Leeraner Unternehmens ECO FLETTNER ausgerüstet. Doch nicht nur „kleine“ Schiffe haben in den letzten Jahren windbetriebene Rotoren installiert bekommen.

Das in Finnland ansässige Unternehmen Norsepower Oy Ltd., der nach eigenen Angaben weltweit führende Anbieter von Windzusatz-Antriebssystemen, gab Mitte Mai 2021 die Installation von fünf kippbaren Rotorsegeln an Bord eines neu gebauten Very Large Ore Carrier (VLOC) bekannt, der vom brasilianischen Bergbauunternehmen Vale gechartert wurde. Die weltweit erste Installation der Rotorsegel von Norsepower auf einem Massengutfrachter demonstriert die Anpassungsfähigkeit der Technik zur Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs, der Kraftstoffkosten und der Emissionen bei einer Vielzahl von Schiffstypen.

Der neue Bulker, ein 325.000 dwt VLOC, ist im Besitz von Pan Ocean Ship Management und wird nach Abschluss der Bauarbeiten in China von Vale gechartert. Um einen effizienten Frachtbetrieb zu ermöglichen, können die fünf 24 m hohen und 4 m durchmessenden Rotorsegel mit Hilfe von Hydraulikzylindern gekippt werden.

Angesichts des wachsenden internationalen und öffentlichen Drucks auf die Schifffahrtsindustrie, ihre Betriebsabläufe zu dekarbonisieren, ist die Fähigkeit, den Wind zur Schuberzeugung zu nutzen, den Kraftstoffverbrauch und die Emissionen zu reduzieren, ein natürlicher nächster Schritt und wird zu einer zunehmend praktikablen Option, um bevorstehende regulatorische Vorgaben wie EEXI- und CII-Ratings zu erfüllen.

Norsepower hat die Routen für das von Vale gecharterte Schiff analysiert und schätzt, dass mit seiner Technik ein Effizienzgewinn von bis zu 8 % und eine daraus resultierende Reduzierung von bis zu 3.400 Tonnen CO2 pro Jahr erreicht werden kann.

Tuomas Riski, CEO von Norsepower, kommentierte die Installation wie folgt: “Die fünf kippbaren Rotorsegel werden es Vale ermöglichen, einen flexiblen Frachtbetrieb aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Kraftstoff und Emissionen zu reduzieren. Die Installation unserer Rotorsegel auf dem ersten VLOC zeigt, dass unsere Technik an unterschiedliche Betriebsprofile und Schiffstypen anpassbar ist. Da Schiffsbetreiber und Charterer eine Dekarbonisierung anstreben müssen, ist der Wert des Windantriebs sowohl bei Nachrüstungen als auch bei Schiffsneubauten unbestreitbar. Die Rotorsegel können den Energy Efficiency Design Index (EEDI) eines Schiffes reduzieren und Schiffe zukunftssicher gegen die bevorstehenden IMO-Treibhausgasvorschriften sowie gegen die unvermeidlichen Kraftstoffpreissteigerungen machen, wenn neue Kraftstoffe auf den Markt kommen.”

Rodrigo Bermelho, Shipping Technical Manager bei Vale, fügte hinzu: “Wir sind bestrebt, die Einführung sauberer Techniklösungen für die Schifffahrt zu unterstützen, um sicherzustellen, dass die Nachhaltigkeitsziele von Vale erreicht werden. Die Installation von fünf Rotorsegeln werden unsere Kraftstoff- und Emissionseinsparungen maximieren. Wir arbeiten mit Norsepower zusammen, um sicherzustellen, dass dieser Neubau so umweltfreundlich wie möglich ist und eine signifikante Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs und der CO2-Emissionen erreichen kann. Wenn sich das Pilotprojekt bewährt, werden schätzungsweise mindestens 40 % unserer Flotte diese Technik nutzen können, was zu einer Reduzierung von fast 1,5 % der jährlichen Eisenerz-Seeverkehrsemissionen von Vale führen kann.”