Der vergangene Schiffszwischenfall im Suezkanal nahe dessen Südausgang, als der mit etwa 15.000 Containern beladene Containerfrachter EVER GIVEN, einer der weltgrößten seiner Art, auf dem Kurs Richtung Nord in der Fahrrinne auf Grund lief,   sich querstellte und die Wasserstraße für eine Woche blockierte, hat wegen der beträchtlichen negativen wirtschaftlichen Auswirkungen die Bedeutung des 171 km, mit den Zufahrtsrinnen  193 km langen Suezkanal  als eine der wichtigsten Wasserstraßen für die eng verwobene Weltwirtschaft unterstrichen. Dasselbe gilt als wichtige Einnahmequelle für die ägyptische Wirtschaft.

Unter Ausnützung der Vollmondflut in der vorangegangenen Nacht konnten am Montag, den 29. März zehn mächtige Schlepper die EVER GIVEN wieder so flott machen, dass ab dem 30. März die Schifffahrt durch den Suezkanal wieder möglich war. Fast 450 Schiffe am Nord- und am Südende des Kanals, darunter 350 Frachter und 25 Öltanker, waren blockiert, der Megastau verursachte Milliardenschäden und eine vorübergehende Erhöhung der Ölpreise, was wiederum die Inflationsraten in vielen Ländern in die Höhe trieb. Die Suez Canal Authority (SCA) als Kanalbetreiber war dann bemüht, die wartenden Schiffe beschleunigt durch den Kanal zu befördern. Sie hatte in der fraglichen Woche täglich Einnahmenausfälle von 13 bis 14 Millionen USD zu verzeichnen.

Normalerweise darf der Suezkanal von Schiffen nur mit elf bis 16 kmh befahren werden, der Mindestabstand zwischen zwei Schiffen beträgt dabei zwei bis drei Kilometer. Die Durchfahrt beträgt etwa elf Stunden. Die Passage wird als „selbstverständlich“ empfunden, obwohl die Wasserstraße, an deren Bedeutung nur die Straße von Hormuz, die Straße von Malakka und der Panamakanal herankommen, in einer weltpolitisch „labilen“ Region liegt, wenn man die verschiedenen Nahost-Konflikte im Auge behält.

Der im Durchschnitt 24 m tiefe Kanal wird einspurig befahren, verfügt aber über drei Begegnungsstellen. Seine enorme Bedeutung für die Weltwirtschaft zeigt sich darin, dass er die Verbindung zwischen Asien und Europa und umgekehrt enorm verkürzt. Z.B. verringert sich durch die Passage des Suezkanals die Strecke von Singapur nach Rotterdam um gut 6000 km gegenüber einer Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung und den afrikanischen Kontinent herum.  Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat berechnet, dass 98 Prozent der Containerschiffe zwischen Deutschland und China durch den Suezkanal fahren. 30 Prozent des weltweiten Containervolumens wird durch die Wasserstraße verschifft, dazu kommt noch die Bedeutung für den Öltransport zur Versorgung Europas und auch Teilen Nordamerikas.

Die Havarie der 400 m langen, 59 m breiten, 60 m hohen und 224.000 t schweren EVER GIVEN hat die Lieferketten weltweit durcheinandergewirbelt, Versorgungsengpässe sind zumindest vorübergehend nicht ausgeschlossen. Transporte von Möbeln, Elektrogeräten und Kleidung blieben durch den Schiffsstau hängen, ebenso jene von leeren Containern auf den Rückwegen. Logistikexperten rechneten mit Schäden im Ausmaß von 1,5 bis zwei Mrd. Euro. Eine Folge davon waren gestiegene Preise für den Seehandel und verschiedene Produkte.

Für Ägypten und seine Volkswirtschaft ist der Suezkanal eine unverzichtbare Einnahmequelle.  Durchfahrtsrechte brachten dem Nilland 2020 einen Erlös von umgerechnet 4,2 Mrd. Euro. 2020 passierten fast 19.000 Schiffe den Suezkanal, rund 50 pro Tag. Die vergangene Blockade hat aber auch andere Folgen – die Nachfrage nach Schienentransporten von und nach China ist gestiegen. Denn ein Zug braucht von Europa nach China und umgekehrt nur etwa zehn Tage, halb so lange wie ein Schiff.

Aber auch kleinere Länder wie Österreich blieben durch die EVER GIVEN-Havarie nicht verschont. Für Österreichs Industrie hat sich in den vergangenen Wochen, auch als Auswirkung der Corona-Pandemie, die Lage rund um die Lieferung wichtiger Waren verschärft. Es gab eine Containerknappheit, auch Kosten für Materialien für die Produktion und für Rohstoffe sind gestiegen. Die tagelange Blockade des Suezkanals hat nach den Worten von Experten der Bank Austria und der Österreichischen Industriellenvereinigung Lieferzeiten beträchtlich verlängert. Doch die nun wieder mögliche Kanalpassage lässt hoffen, dass sich die Auswirkungen für die österreichische Wirtschaft in Grenzen halten, auch wenn es zu verzögerten Ankünften von Schiffen in ihren Zielhäfen kommt. Dort warten dann Exportwaren auf ihre Verladung. Seitens der Wiener Wirtschaftsuniversität wird damit gerechnet, dass Frachtschiffe die letzten Seemeilen schneller fahren werden und in Häfen versucht werde, den Warenumschlag zu beschleunigen.

Der 1869 eröffnete Suezkanal (siehe zwei VEUS-Artikel vom 27. November 2019) war von Ferdinand de Lesseps nach den Plänen des Österreichers Alois Negrelli nach zehnjähriger Bauzeit unter Einsatz von zehntausenden, zum Teil zwangsrekrutierten ägyptischen Arbeitern errichtet worden. Die Pläne hatte sich Lesseps für den eher geringen Betrag von 20.000 Gulden von der Witwe des 1858 (ein Jahr vor Baubeginn) verstorbenen Negrelli verschafft. Die Anfangs dem Kanalprojekt ablehnend gegenübergestandenen Briten , die von 1882 bis 1956 die Kanalzone besetzt hielten, hatten sich Ende der 70iger Jahre de 19. Jhdts. , als Ägypten vor dem Finanzbankrott stand, die Mehrheit der Kanalaktien und damit die Kontrolle über die Wasserstraße verschafft, wobei das Londoner Bankhaus Rothschild die Kaufsumme vorgestreckt hatte. Während der beiden Weltkriege versuchten Gegner Großbritanniens vergeblich, den Kanal den Briten zu entreissen. 1956 versuchten in der Suezkrise nach Verstaatlichung des Kanals durch Ägyptens Präsident Nasser Großbritannien, Frankreich und Israel auch vergeblich in den Besitz des Kanals zu gelangen (siehe VEUS-Artikel vom 1. Sept. 2016), Er blieb, während des Yom Kippur-Krieges zwischen Israel und Ägypten 1973 heftig umkämpft, bis 1975 gesperrt. 2014/15 hat Ägypten ein Erweiterungsprogramm in Form eines 37 km langen neuen Kanals östlich des bestehenden durchgezogen. Damit können 115 km des Kanals von Schiffen in beiden Richtungen gleichzeitig befahren werden.

Zwei Schiffsunfälle hat es in den letzten Jahren im Kanal gegeben: 2014 kollidierten zwei Frachtschiffe, wodurch es zu Passage-Verzögerungen kam. 2017 lief ein japanisches Containerschiff auf Grund, konnte aber in wenigen Stunden wieder flott gemacht werden.