Vor dem Hintergrund der anhaltenden Corona-Pandemie haben die Vereinten Nationen (UNO) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kurz vor Jahresende 2020 ihre Besorgnis über das Schicksal von gut 200.000 wegen der Pandemie auf Schiffen – Kreuzfahrt- und Frachtschiffen – festsitzenden Seeleuten ausgedrückt. In einer gemeinsamen Resolution forderten die Organisationen, den Wert der Arbeit von Seeleuten stärker anzuerkennen und sie international als „systemrelevant“ einzustufen.

Bisher galten Seeleute nicht als sog. „wesentliche Arbeitnehmer“ und dies obwohl weltweit rund 90 Prozent aller Handelsgüter auf Schiffen, vor allem auf Containerschiffen, transportiert werden. Alle UNO-Mitgliedstaaten wurden in der Resolution aufgerufen, durch kurzfristige Maßnahmen die Ablösung von Schiffsbesatzungen zu ermöglichen, Grenzformalitäten zu erleichtern und auch die nötige medizinische Versorgung des Bordpersonals sicher zu stellen. Auch eine frühzeitige Impfung der Seeleute gegen das grassierende Coronavirus wird in der Resolution gefordert.

An der harten und gefährlichen Arbeit an Bord der Schiffe hat sich in den letzten hundert Jahren nur wenig geändert. Die Mannschaften stehen unter physischem und psychischem Druck, oft wird in zehn- bis zwölfstündigen Schichten gearbeitet und dies manchmal an allen sieben Wochentagen. Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass gut 200.000 Seeleute derzeit auf ihren Schiffen regelrecht „gefangen“ sind und oft bis zur Erschöpfung weiterarbeiten, obwohl ihre Dienstzeit längst abgelaufen ist. Die Pandemie hat das komplexe System des Schichtwechsels in der Seefahrt praktisch außer Kraft gesetzt. Gewöhnlich ist ein Seemann im Schnitt sechs Monate auf den Meeren unterwegs, bevor er abgelöst wird. Nun kommt es dazu, dass der ersehnte Ersatz wegen gestrichener Flüge das Schiff nicht erreicht, aber auch, weil zuständige Behörden keine Visa ausstellen. Manche Matrosen sind bereits seit 17 Monaten im Einsatz und arbeiten bis zur totalen Erschöpfung, ja sogar bis zum Kollaps. 2020 konnten viele das Weihnachtsfest deshalb nicht mit ihren Angehörigen verbringen.

Ein Großteil der Offiziere an Bord wird von Europäern, die übrigen Besatzungen dagegen von Asiaten gestellt, wobei Filipinos dominieren – zwischen 10.000 und 50.000 Seelen. Oft sind ganze Familien von der Heuer eines einzelnen Matrosen abhängig, diese beträgt in manchen Fällen fünfmal mehr als der Durchschnittslohn auf den Philippinen. Was Ablösen betrifft, müssen Flüge und Schiffsankünfte genau aufeinander abgestimmt werden. Kommen die Seeleute endlich daheim an, müssen sie meist in Quarantäne. Landgänge bei kurzfristigem oder längerfristigem Anlegen der Schiffe sind öfters nicht erlaubt wegen der Gefahr einer Infizierung mit dem Coronavirus.

Markante Beispiele zeigen, was Corona-Erkrankungen an Bord eines Schiffes bedeuten, wo die Mannschaft dicht gedrängt über Monate zusammen lebt oder wo Kreuzfahrttouristen wochenlang in engem Kontakt miteinander stehen. Ein drastischer Fall war der nuklearbetriebene US-Flugzeugträger USS THEODORE ROOOSEVELT, wo im April 2020 das Virus eingeschleppt wurde und binnen kürzester Zeit an die 1.000 Matrosen infiziert waren. Kreuzfahrtschiffe wie die DIAMOND PRINCESS (unter 3.700 Passagieren gab es 700 Infizierte und zehn Tote) wurden in Häfen in Quarantäne festgehalten oder mussten auf der Suche nach Anlegemöglichkeiten wochenlang auf hoher See herumirren.

Wie belastend die aufgrund der Corona-Pandemie nochmals verschärften Situation besonders auf Containerschiffen ist,  zeigt die steigende Anzahl von Selbstmorden von Matrosen, über die es nur selten Aufzeichnungen gibt. Schwer erträgliche Einsamkeit der Seeleute an Bord, gepaart mit Heimweh und Erschöpfung als Folge des Dienstes führen oft zu Aggressionen, Konflikten und Feindseligkeit unter der Mannschaft. Reedereien und Seemannsmissionen versuchen besonders zu Zeiten um Weihnachten und Ostern herum dem entgegen zu wirken und die Stimmung zu heben – z.B. durch bessere Verpflegung, Satellitentelephonie an Bord und Kontaktmöglichkeiten über Soziale Medien. Da und dort gibt es auch Kinos und Swimmingpools an Bord, auch wenn dies alles mit Kosten verbunden ist.

Nach Angaben eines namentlich nicht genannten Chefmaschinisten eines Containerschiffes kommt es in erster Linie darauf an, für welche Reederei Seeleute auf Schiffen tätig sind. Es gebe korrekt handelnde Reedereien und auch das Gegenteil davon. Letztere würden immer versuchen, Schichtwechsel zu vermeiden, weil Flüge für die Seeleute bezahlt werden müssten, aber auch Hotelrechnungen anfielen. So werde oft Druck ausgeübt, damit Seeleute länger als die erlaubte Zeit an Bord blieben.